Israel plant seine Zukunft ohne Öl

BER – 28.10.08 – Auch wenn derzeit der Rohölpreis wieder fällt, ist klar: Die fossile Energie unseres Planeten ist endlich. Das Aus des Öls wird dabei deutlich früher kommen als bei Kohle oder Gas. Es gibt viele gute Gründe für eine Strategie zur Ablösung der konventionellen Energieträger. Doch nur wenige Ansätze sind so ambitioniert wie die des High-Tech-Staates Israel. Dort will man bis 2020 komplett auf Elektromobilität umsteigen. Ein Besuch in der Wüste.

Daran, dass die Zukunft der Mobilität früher oder später elektrisch sein wird, lässt Shai Agassi keinen Zweifel. „Wenn das, was ich glaube, richtig ist, dann wird das die größte Verschiebung in der Geschichte des Kapitalismus sein", erklärt der Israeli, der bis vor kurzem als Vorstand der Software-Schmiede SAP arbeitete und seither die Nachhaltigkeits-Initiative „Better Place“ vorantreibt. Mit seiner Idee will er nicht weniger als eine Revolution herbeiführen. Mittlerweile hat er so viele von seiner Vision begeistern können, dass er 200 Millionen Dollar Kapital, tatkräftige Partner und gewichtige politische Unterstützer an den Start gebracht hat. Von der New York Times wurde er deshalb schon als neuer Henry Ford bezeichnet.

Better Place: Eine Erde ohne Öl

  • PLUG: Wenn wir unsere emissionsfreien Elektroautos laden, koppeln wir uns an einen intelligenten Mobilitätsservice und entkoppeln uns vom Öl.
  • PEOPLE: Wenn wir Auto fahren, nutzen wir noch immer die Fahrzeuge die wir kennen und schätzen. Das einzige was sich ändert ist, dass wir weniger bezahlen, der Welt einen größeren Nutzen erweisen und verantwortlich handeln.
  • PLANET: Gemeinsam erreichen wir eine weltweite Unabhängigkeit vom Öl, reduzieren unsere Treibhausgasemissionen und schaffen neue Märkte für erneuerbare Energie.
  • PROSPERITY: Durch die Erstellung einer ölunabhängigen Infrastruktur, kreieren wir eine CO2-freie Wirtschaft, die neue Arbeitsplätze schafft und für nachhaltiges, umwelt- und klimafreundliches Wachstum sorgt.

Von der simplen Vision zu einem einfachen Konzept

Agassi und seine Initiative Better Place setzen darauf, Elektromobilität, die seit Jahrzehnten erdacht ist aber bislang kaum umgesetzt ist, als Standard zu etablieren. Das Vertriebskonzept erinnert an einen Handyvertrag: Der Nutzer schließt mit dem Anbieter einen Vertrag für fünf Jahre ab und zahlt nichts weiter als eine monatliche Gebühr. Hierfür bekommt er kostenlos ein Elektroauto zur Verfügung gestellt. Doch weil Elektroautos bislang in punkto Reichweite noch nicht mit konventionellen Autos mithalten können, braucht es eine geeignete Lade-Infrastruktur. Und die stellt sich Agassi so vor: Wer sein Auto für einige Stunden nicht nutzt, parkt es einer Ladestation. Wer eine längere Fahrt unternimmt, wechselt an einer entsprechenden „Tankstelle“ einfach die komplette Batterie – vollautomatisch und innerhalb von wenigen Minuten. Verdienen tut der Anbieter des Elektrofahrzeugs nur am Strom, denn den muss der Fahrer an den entsprechenden Stationen beziehen – ganz ähnlich wie ein Handynutzer, der sein Mobiltelefon zum Vertrag geschenkt bekommt und dann nur die Gesprächsgebühren zahlt.

Von Davos nach Tel Aviv

Für sein Konzept braucht Agassi vor allem zwei Dinge: Einen Hersteller für die Technik, also die Autos und Akkus, und ein Land, dass sein Projekt unterstützt. Die erste Frage ließ sich rasch klären: Renault liefert bereits im nächsten Jahr 500 Elektromobile, ab 2011 setzt die Massenproduktion ein. Gefertigt wird nicht nur ein Modell, sondern eine ganze Palette für die individuellen Ansprüche der Autofahrer. Für die Weiterentwicklung der Akku-Technologie zeichnet Renaults Partner Nissan verantwortlich. Nun fehlte nur noch ein geeignetes Einsatzgebiet, denn der Ausbau der Infrastruktur erfordert einen entschlossenen Partner auf politischer Seite. Diesen fand Agassi in seiner Heimat Israel. Kurz nachdem er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sein Konzept vorgestellt hatte, erreichte ihn ein Anruf von Staatspräsident Shimon Peres. Nur eine Woche später traf Agassi sich auch mit Ministerpräsident Olmert in Tel Aviv. Die Unterstützung war schnell gefunden, schließlich möchte sich der High-Tech-Staat lieber heute als morgen von den Öllieferungen seiner Nachbarstaaten unabhängig machen. Seither sind Elektroautos von der Kfz-Steuer befreit und schon im kommenden Jahr sollen 10.000 Nutzer an einem Pilotprojekt teilnehmen. Dabei wird es jedoch nicht lange bleiben: Bis 2011 sollen 500.000 Ladestationen in dem nur sieben Millionen Einwohner zählenden Israel gebaut werden. Womöglich wird es dann schon viel bessere Akkus als heute geben, so dass die 200 geplanten Batteriewechsel-Anlagen mehr als ausreichend erscheinen, zumal in Israel aufgrund des kleinen Staatsgebiets kaum lange Fahrten anfallen – ein Argument, dass jedoch auch auf größere Länder wie Deutschland zutrifft, in denen das Auto wie allerorten fast nur für Kurzstrecken genutzt wird.

Dass die Kunden lange Zögern, auf einen elektrischen Antrieb umzusteigen, glaubt Agassi nicht. Noch hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass Elektroautos alles andere als Spaß machen. „Wenn ich meinen Gesprächspartnern hiervon berichte, sind sie meist erstaunt, dass mein Auto locker 140 km/h schafft und von null auf hundert nur 8 Sekunden braucht“, lacht Agassi und lädt zur Probefahrt ein. „Danach werde ich meist nur noch gefragt, wie teuer so ein Auto ist und in welchen Farben man es bestellen kann.“

Erneuerbare Quellen müssen den Großteil des Stroms liefern

Wenn ganz Israel tatsächlich elektromobil wird, würde Öl – zumindest im Verkehrssektor – überflüssig. Doch CO2-frei wäre Mobilität dadurch noch lange nicht, schließlich stammt der Großteil des Stroms nach wie vor aus fossil befeuerten Kraftwerken. Agassis Initiative Better Place aber strebt auch die nachhaltige Senkung der Treibhausgasemissionen an. Daher soll die Elektrizität möglichst vollständig aus erneuerbaren Quellen stammen. Generelles Problem dabei ist aber, dass Energie aus Wind, Sonne und Wasser nicht so regelmäßig fließt wie aus einem steuerbaren Atom- oder Kohlekraftwerk. Aber auch hier sieht Agassi einen sinnvollen Anknüpfungspunkt zu seinem E-Car-Projekt. Die Elektromobile sollen genau dann Strom aus dem Netz beziehen, wenn der industrielle und gewerbliche Bedarf gering ist, nämlich nachts. Hierzu muss Israel seine regenerativen Quellen breiter aufstellen und mehr erneuerbare Energie zumindest einige Stunden speichern. Bislang setzt man im Wüstenstaat Israel vor allem auf Solarkraftwerke, die naturgemäß vor allem tagsüber Energie liefern. Doch schon bald sollen thermische Speicher die gleichmäßige Bereitstellung über den ganzen Tag ermöglichen. Weniger problematisch ist dieser Aspekt bei Off-Shore-Windenergie. Hier schickt sich Dänemark an, zu den weltweiten Vorreitern zu werden. Kaum verwunderlich, dass sich unsere nordischen Nachbarn daran machen, dem Beispiel Israels im Better Place Konzept zu folgen. Unterdessen zeigen sogar die laut Agassi bislang skeptischen deutschen Autohersteller reges Interesse: Schon 2010 will Daimler-Chef Dieter Zetsche einen elektrischen Serien-Smart anbieten, der als Better Place Car in San Francisco und auf Hawaii zum Einsatz kommen soll.

Zurück zur Startseite