Klima wandelt Politik - zum UN-Klimabericht
BER - 22.11.07 - Im spanischen Valencia hat der Weltklimarat den vierten und letzten Teil des UN-Klimaberichts vorgelegt. Detailliert summiert der Abschlussreport die Erkenntnisse der Wissenschaftler auf. Klar ist: Deutschland ist ebenso betroffen wie der Rest der Welt. Welche Instrumente bringen uns im Kampf gegen den Klimawandel am besten voran?
Der vierte Teil des UN-Klimaberichts bildet das Abschlussdokument des Weltklimarates. Mehr als 1250 Wissenschaftler aus 130 Ländern sowie 2500 zusätzliche Gutachter haben daran mitgewirkt. Detailliert sind Ausmaß und Auswirkungen des Klimawandels beschrieben. Der erste Teil des Reports enthält eine Meta-Prognose der Klimaveränderungen. Bis zum Jahr 2100 könnte der Meerespiegel um 60 Centimeter ansteigen und die globale Durchschnittstemperatur um über 6 Grad Celsius anwachsen. Auch die Nachhaltigkeitsszenarien gehen von einem starken Temperaturanstieg aus - und das selbst, wenn die Menschheit sich zur sofort zu einer radikalen Abkehr von fossilen Brennstoffen entschlösse. Dies liegt an der bereits jetzt erheblichen Konzentration des Treibhausgases CO2 in unserer Atmosphäre. Daran, dass die Klimaveränderungen vom Menschen verursacht sind, besteht kein Zweifel mehr. Elf der zwölf wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen im 19. Jahrhundert sind seit 1995 zu verzeichnen gewesen.
Der zweite Teil des Klimareports widmet sich den regionalen Auswirkungen des Klimawandels. Keine Weltregion kommt glimpflich davon. Besonders hart wird es indes die Menschen in Afrika treffen. Der Großteil der Trockenzonen wird noch weniger Niederschläge abbekommen als jetzt, die Wüsten breiten sich aus. Die Folgen für Landwirtschaft und Ernährung sind dramatisch. Auch Europa wird die Konsequenzen deutlich zu spüren bekommen. Hitzewellen und Desertifikation stehen dem Süden unseres Kontinents bevor, der Osten wird vor allem mit trockeneren Sommern zu kämpfen haben. Dies betrifft auch Deutschland: Mittelfristig droht zum Beispiel Teilen Brandenburgs die Versteppung. In heißen Sommern wird die Spree nur noch dadurch im Fluss gehalten, dass Talsperren in der Lausitz mehr Wasser durchlassen. Sonst würde im Flussverlauf mehr Wasser verdunsten als nachkäme - die Spree flösse gewissermaßen rückwärts.
Die Szenarien sind bedrückend – und sie sind real. Doch wir stehen dem Klimawandel nicht machtlos gegenüber. Innovative Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz stehen uns schon heute in großer Zahl zur Verfügung. Einige davon waren so bestechend, dass sie sich bereits flächendeckend durchgesetzt haben. Dies war vor allem dann der Fall, wenn sich der Anwender direkte Einsparungen davon versprechen durfte. Ein Beispiel sind energiesparende Kühlschränke: Wer sich für ein Modell der Effizienzklasse A entscheidet, hat bereits nach einigen Jahren die Mehrkosten bei der Anschaffung wieder heraus. Diese Maßnahme kam ganz ohne aufwändige Bürokratie ganz einfach durch intelligente Technologie zum Erfolg. Mit einfachen Methoden ließe sich auch im Autoverkehr viel Energie und CO2 sparen. Gemeinsam haben das Umweltbundesamt und die RWTH Aachen einen VW Golf entwickelt, der durch leichtere Bauweise und Anpassungen beim Motor fast ein Drittel Benzin spart. Überhaupt liegt in energieeffizienten Produkten ein enormes Potenzial. Eine Fraunhofer-Studie hat gezeigt, dass jährlichen Mehrkosten von gut 200 Millionen Euro eine monetarisierte Kohlendioxidersparnis von über 4 Milliarden Euro gegenübersteht.
In den drei Bereichen Haushalte, Verkehr und Industrie, die zusammen für den weitaus größten Anteil des CO2-Ausstoßes stehen, existieren unzählige Ansatzpunkte zum Energiesparen – und ständig kommen neue hinzu. Besonders die deutsche Umweltbranche hat sich zu einer Technologieschmiede entwickelt. In punkto Umsatz wird sie wohl schon 2020 den Fahrzeugbau als Leitbranche ablösen. Kein Wunder also, dass sich die Themen Umwelt, Energie und Klima längst nicht mehr nur im Umweltministerium immer größerer Beliebtheit erfreuen. Auch Kanzlerin Angela Merkel schreibt sich dies gern auf die Fahnen – unlängst schmolzen im wahrsten Sinne des Wortes die Gletscher Grönlands ob ihres Charmes dahin. Doch wo viele Innovationen entstehen, wo neue Technologien um Förderung und Gesetzesinitiativen buhlen und wo nicht zuletzt immer mehr Politiker sich gern mit grünen Federn schmücken, gerät auch so manches Instrument zum Murks.
Auf dem kommenden Klimagipfel in Bali wird über ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll verhandelt. Angesichts der großen Öffentlichkeit für den Megatrend Klimawandel steht gerade Deutschland vor einem enormen Druck, sich beim Klimaschutz zu profilieren. Dabei wird dann, wie jüngst beim Klimaprogramm der Bundesregierung geschehen, alles zusammengekratzt was nur irgendeinen Beitrag zur Verbesserung der Klimabilanz beiträgt. Jedoch ist längst erwiesen, dass nicht jede Maßnahme gleich viel Nutzen erbringt. Damit ist auch nicht jeder Euro gleich gut angelegt. Unlängst erklärte so der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge: „ Klimaschutz braucht einen langen Atem und darf nicht hektisch durch die Tagesaktualität bestimmt sein“. Erneuerbare Energien seien zwar letztlich die Zukunft, aber nicht um jeden Preis, legte er nach. In der Tat sind manche Fördermaßnahmen höchst fragwürdig. Biokraftstoffe etwa stehen in erheblicher Konkurrenz zum Anbau von Nutzpflanzen und werden niemals auch nur annähernd den Energiebedarf eines dicht besiedelten Landes wie Deutschland decken können. Kurios, dass Umweltminister Gabriel gemeinsam mit Horst Seehofer Anfang der Woche ihre „Roadmap Biokraftsstoffe“ als Meilenstein verkauften. Andere durchaus viel versprechende Maßnahmen werden hingegen kaum oder gar nicht diskutiert. Hierzu zählen zum Beispiel die unterirdische oder unterseeische Speicherung von Kohlendioxid oder das Tabuthema Nummer eins, die Kernkraft.
Dass die entwickelten Länder die Vorreiterrolle im Klimaschutz einnehmen müssen steht außer Frage. Angesichts des rapiden Modernisierungsprozesses der Schwellenländer ist es dringend geboten, Technologiesprünge bei uns herbeizuführen und diese dorthin zu exportieren. Der UN-Klimabericht zeigt uns in drastischer und doch überzeugender Art und Weise die Folgen fehlgeleiteter Entwicklungen auf. Doch um Deutschland klimafit zu machen, ist eine integrierte Energiepolitik von Nöten, deren Instrumente konsequent auf den klimapolitischen Nutzen hin überprüft werden. Zu bedenken ist auch die solide und bürokratiearme Durchführbarkeit von Maßnahmen. Deutschland ist ein Land, in dem von vielerlei Seite agitiert und taktiert wird – sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft und Gesellschaft. Wirklich sinnvolle Bestrebungen können wir daher nur zum Erfolg führen, wenn wir sachlich und tabufrei die vorhandenen Chancen für mehr Energieeffizienz und weniger CO2 bewerten und gemeinsam an einem Strang ziehen. Dem Verkündungswahn auf Gipfeln müssen Taten folgen – und zwar bald.
