Steuert Deutschland in eine Versorgungslücke?
BER - 23.09.08 - Die Debatte um Deutschlands künftigen Energiemix reisst nicht ab. Besonders im Wahljahr 2009 dürfte wieder heftig gestritten werden, ob der Ausbau der Erneuerbaren mit der Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken Schritt halten kann. Eine neue Studie von Greenpeace gießt erneut Öl ins Feuer.
Wie soll sie nur aussehen, die schöne neue Stromwelt in Deutschland? Die deutschen Politiker beackern derzeit viele Felder im Mosaik der künftigen Energieversorgung. Dabei zeigt sich mehr und mehr, dass einzelne Bausteine nicht recht zueinander passen wollen.
Beispiel Kohlekraft
Die Grünen müssen zusehen, wie sich mittlerweile auch die anderen Parteien mehr oder minder vehement für mehr grünen Strom aussprechen. Das in der rot-grünen Koalitionszeit verabschiedete Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (kurz EEG) hat sich bewährt und ein wahres Feuerwerk an Investitionen ausgelöst. Auch wenn noch nicht alle Renewables preislich so konkurrenzfähig sind wie erhofft, konnte der Anteil des erneuerbar erzeugten Stroms wesentlich gesteigert und zugleich eine Branche mit beachtlichen wirtschaftlichen Effekten gestärkt werden. Ein Erfolg für die Grünen. Doch nun hadern sie allerorten mit dem Neubau von Kohlekraftwerken. Denn noch können die Erneuerbaren nicht alle Stromlast übernehmen, die durch die Abschaltung älterer Anlagen entsteht. Soll es also beim Atomausstieg bleiben, müssen wohl oder übel neue Kohle- und Gaskraftwerke her. Das wäre auch gar nicht so verkehrt, denn die neue Generation an Kohlekraftwerken ist immerhin schon beträchtlich effizienter als ihre Vorgänger. Überdies kommt man, solange Strom aus Wind und Sonne nicht verlustarm speicherbar ist, nicht um Grundlastträger herum. Doch die grüne Basis vor Ort möchte keine neuen Kohlekraftwerke, am besten auch dann nicht, wenn sie künftig ihr Kohlendioxid womöglich abscheiden und speichern können (die so genannte Bauausführung in CCS-ready). Der leidlich geliebte ehemalige Vorsitzende Joschka Fischer sprach diese Diskrepanz kürzlich offen aus und erklärte, für eine Übergangszeit komme man ohne Kohlekraft nicht aus. Die Schelte der Parteifreunde folgte auf dem Fuße.
Beispiel Atomkraft
Im April dieses Jahres stellte die Deutsche Energieagentur (dena) eine viel beachtete Studie vor. Betrachte man die Entwicklung des Energieverbrauchs in Deutschland und die vorraussichtlichen Veränderungen im Stromerzeugungsmarkt, so errechne sich bis 2020 eine Stromlücke von bis zu 12.000 Megawatt, so die dena. Ein Teil des Versorgungsengpasses geht auf den Ausstieg aus der Kernkraftnutzung hervor. Fazit der Autoren: Soll der Strom bezahlbar bleiben und eine autonome inländische Versorgung weitgehend aufrecht erhalten werden, müsse man neue Kohle- und Gaskraftwerke errichten. Mit den Anlagen auf dem neuesten Stand könne man so auch die Klimaschutzziele erreichen.
Aus der Branche der Erneuerbaren regte sich umgehend Kritik. Die Studie sei von den großen Stromkonzernen in Absprache mit dem Wirtschaftsministerium (an dem die dena mehrheitlich hängt) gekauft und beeinflusst worden. Vergangene Woche legte Greenpeace nun nach und errechnete anstelle einer Stromlücke in der Größenordnung von 15 Kraftwerken prompt einen Überschuss von 12 Großanlagen für das Jahr 2020. Im Gegensatz zur dena fuße die Greenpeace-Expertise auf realistischeren Annahmen zum Stromverbrauch und zur Entwicklung der erneuerbaren Energien. Als Beispiel hierfür wird unter anderem die Kraft-Wärme-Kopplung genannt. Das viel versprechende Verfahren, bei dem meist in dezentralen Anlagen Strom und Wärme aus einer Vielzahl möglicher Brennstoffe gewonnen wird, ist in den vergangenen Jahren jedoch nicht recht vorangekommen. Weshalb Greenpeace in seiner Studie nun mit einem erheblichen Ausbau rechnet, bleibt unklar.
Informationslücke statt Versorgungslücke?
Wie bei jeder Prognose kommt es auf die erwartete Veränderung verschiedenster Parameter an. Ehrgeizige Hoffnungen ruhen dabei auf der Effizienzsteigerung. Wird der Strom teurer, wird es für Verbraucher und Gewerbe attraktiver, Einsparungsmaßnahmen zu ergreifen. Wer also die künftigen Strompreise sehr hoch ansetzt, kann davon ausgehen, dass sich die Effizienz erhöht. Doch schon der Strompreis unterliegt so vielen ökonomischen und auch politischen Einflüssen, dass eine verlässliche Prognose schwierig ist. Zum Beispiel ist es noch völlig unklar, zu welchem Anteil die großen Erzeugerkonzerne ab 2013 ihre Verschmutzungsrechte im Emissionshandel ersteigern müssen. Zu den Unwägbarkeiten zählt auch die Entwicklung der Erneuerbaren Energien. Sie werden immer konkurrenzfähiger, jedoch wächst die Nachfrage nach den Anlagen weltweit so stark, dass keinesfalls ein für den Preiswettbewerb förderlicher Nachfragermarkt besteht.
Man darf deshalb vermuten, dass die Annahmen von Greenpeace ebenso wie diejenigen der dena durchaus wage sind. Anstatt endlos zu debattieren, ob eine Versorgungslücke entsteht, sollte man daher lieber politisch so steuern, dass keine Engpässe zu befürchten sind. Denn sonst muss Deutschland immer mehr Strom importieren und rund um die Bundesrepublik deutet sich an, dass dieser vermehrt auch atomar erzeugt wird. Und gerade das will auch Greenpeace nach Möglichkeit vermeiden. Selbst Michael Müller, Staatssekretär im Ministerium des Klimaschützers Sigmar Gabriel, erklärte auf dem Hauptstadttreff der Energieagenturen kürzlich: "Wenn wir keine Stromlücke wollen, müssen wir die Handlungslücke füllen!".
Dazu gehört auch eine ehrliche Diskussion über den Umgang mit Kohle- und Kernkraft. Beide abzuschaffen ist mittelfristig nicht denkbar, vielleicht auch gar nicht wünschenswert. Denn längst mehren sich besonders außerhalb Deutschlands die Stimmen, dass Berlin und Brüssel ihre notwendigen und ehrgeizigen Klimaziele nur schwer erreichen können, wenn auf Atomkraft völlig verzichtet wird. Schwer bedeutet dabei vor allem: Nicht zu vertretbaren Kosten. Nicht zufällig genießen die Franzosen durch ihr ehrliches Bekenntnis zur Kernkraft viel niedrigere Strompreise als die Bundesbürger. Und auch letztere haben durchschaut, dass die bedrückend hohe Inflation der letzten Monate vor allem auf die beträchtlich gestiegenen Energiepreise zurückzuführen sind.
